Lesekompetenzmodell nach Perfetti & Adlof

Das Lesekompetenzmodell von Perfetti und Adlof beschreibt Lesen als einen mehrstufigen, interaktiven Prozess, bei dem Lernende während des Lesens mentale Repräsentationen eines Textes aufbauen. Ziel erfolgreichen Lesens ist der Aufbau eines sogenannten Situationsmodells, also eines tiefen Verständnisses der im Text beschriebenen Inhalte und Zusammenhänge.

Das Modell unterscheidet mehrere miteinander verknüpfte Komponenten, die vom Wort über den Satz bis hin zum gesamten Text wirken.

1. Wortidentifikation (Decodieren)

Die Wortidentifikation bezeichnet die Fähigkeit, geschriebene Wörter korrekt und flüssig zu erkennen. Sie basiert auf Kenntnissen des Schriftsystems (Orthografie) und der Lautstruktur der Sprache. Diese Komponente ist eine notwendige Grundlage für Textverständnis, reicht aber allein nicht aus. Eine ausreichende Automatisierung ist die Grundlage für das Leseverständnis und muss, sollte der schnelle Wortabruf noch nicht automatisiert passieren, durch Lautleseverfahren und Vielleseverfahren gefördert werden.

Auch ältere Lernende können Schwierigkeiten beim automatisierten Lesen komplexer Fachbegriffe oder Fremdwörter haben.

 

Bild: Teilkompetenzen des Lesens (Perfetti & Adlof, 2012)

Praxisbeispiele

  • Geschichte: Unbekannte Namen oder Begriffe (z. B. „Absolutismus“) mit Wortkarten oder Glossaren sichern.
  • Deutsch: Texte werden nur sehr mühsam erlesen, die Konzentration liegt beim Erlesen einzelner Wörter, weshalb keine kognitiven Kapazitäten für das Textverstehen bleiben und der Überblick über das Ganze nicht mehr möglich ist.

 

2. Wortschatz und lexikalische Qualität

Textverständnis hängt stark davon ab, wie gut Lernende Wörter verstehen. Entscheidend ist nicht nur die Anzahl bekannter Wörter (Breite des Wortschatzes), sondern auch die Tiefe des Wortwissens, also differenzierte Bedeutungen und Wortvernetzungen.

Ein gutes Textverständnis erfordert laut Forschung das Verständnis von etwa 90 % der Wörter eines Textes.

Praxisbeispiele

  • Geografie: Schlüsselbegriffe vor der Textarbeit klären („Globalisierung“, „Urbanisierung“).
  • Deutsch / Fremdsprachen: Begriffe in verschiedenen Kontexten verwenden lassen, um Bedeutungsnetze aufzubauen.

 

3. Sprachverarbeitung auf Satzebene (Parsing)

Lesende müssen Wörter zu sinnvollen Sätzen zusammensetzen und grammatische Strukturen verstehen. Dazu gehört das Erkennen von Beziehungen zwischen Satzteilen.

Praxisbeispiele

  • Politische Bildung: Lange komplexe Gesetzestexte gemeinsam strukturieren (z. B. Satzglieder markieren).
  • Naturwissenschaften: Ursache-Wirkungs-Beziehungen in Versuchsbeschreibungen identifizieren.
  • Sprachenunterricht: Verschachtelte Satzstrukturen gemeinsam visualisieren.

 

4. Inferenzen bilden (Schlussfolgern)

Gutes Textverständnis erfordert, Informationen zu ergänzen, die nicht explizit im Text stehen. Lernende verbinden Textstellen miteinander und aktivieren Vorwissen.

Inferenzen sind entscheidend, um Zusammenhänge zu verstehen und Kohärenz im Text herzustellen.

Praxisbeispiele

  • Geschichte: Ursachen historischer Ereignisse aus verschiedenen Textstellen erschließen.
  • Literatur: Motive von Figuren interpretieren.
  • Naturwissenschaften: Schlussfolgerungen aus Versuchsergebnissen ziehen.

 

5. Textüberwachung (Comprehension Monitoring)

Lernende müssen überprüfen, ob sie einen Text verstehen, und bei Verständnisschwierigkeiten Strategien einsetzen. Schwächere Leser bemerken Verständnisprobleme oft nicht.

Praxisbeispiele

  • Markieren von unklaren Textstellen
  • Verständnisfragen selbst formulieren
  • Zusammenfassungen schreiben
  • Partnerarbeit zum gegenseitigen Erklären

 

6. Aufbau mentaler Textrepräsentationen (Situationsmodell)

Das Ziel des Lesens ist die Integration aller Informationen zu einem kohärenten Gesamtverständnis des Textes. Dabei werden Textinformationen mit Vorwissen verknüpft.

Praxisbeispiele

  • Geografie: Mindmaps zu komplexen Themen erstellen
  • Biologie: Ablaufdiagramme zu Prozessen erstellen
  • Geschichte: Ereignisse in Ursache-Wirkungs-Diagrammen darstellen

 

Zentrale Konsequenzen für den Fachunterricht

Das Modell zeigt, dass Lesekompetenz nicht nur Aufgabe des Deutschunterrichts ist. Fachlehrpersonen fördern Lesekompetenz insbesondere durch:

  • Aufbau fachlicher Begriffsnetze
  • Unterstützung beim Umgang mit komplexen Textstrukturen
  • Förderung von Schlussfolgerungsstrategien
  • Training metakognitiver Strategien

Leseschwierigkeiten können auf verschiedenen Ebenen entstehen. Daher sollten Diagnostik und Förderung mehrere Komponenten berücksichtigen.

 

 

 

Literaturverzeichnis                                                                                                    Perfetti, C. & Adlof, S. M. (2012). Reading comprehension: A conceptual framework from word meaning to text meaning. In J. P. Sabatini, E. R. Albro & T. O’Reilly (Hrsg.), Measuring up: Advances in how to assess reading ability (S. 3–20). Rowman & Littlefield Education. https://www.researchgate.net/publication/294687164_Reading_comprehension_A_conceptual_framework_from_word_meaning_to_text_meaning