Leseentwicklung

Leseerwerb – Entwicklung, Stufen und Einflussfaktoren

Der Leseerwerb ist ein langfristiger Entwicklungsprozess, der bereits im frühen Kindesalter beginnt und sich über viele Schuljahre hinweg weiterentwickelt. Lesenlernen bedeutet dabei nicht nur das Entziffern von Schriftzeichen, sondern den Aufbau komplexer sprachlicher, kognitiver und motivationaler Kompetenzen.

Das folgende Stufenmodell basiert auf lesedidaktischer Forschung, insbesondere auf dem Modell des Schriftspracherwerbs nach Frith (1985) sowie dessen Weiterentwicklungen im deutschsprachigen Raum.

1. Vorläuferfähigkeiten des Leseerwerbs

Bereits vor dem eigentlichen Lesenlernen entwickeln Kinder grundlegende Kompetenzen, die den späteren Leseerfolg stark beeinflussen.

Phonologische Bewusstheit

Kinder lernen, die Lautstruktur der Sprache wahrzunehmen und zu manipulieren. Dazu gehören Fähigkeiten wie:

  • Reime erkennen
  • Silben klatschen
  • Anfangs- und Endlaute identifizieren

Diese Fähigkeiten erleichtern später das Verstehen der Beziehung zwischen Lauten und Buchstaben.

Arbeitsgedächtnis

Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht es Kindern,

  • Laute im Kopf zu speichern
  • Wörter zu analysieren
  • Informationen beim Lesen zusammenzuführen

Ein gut entwickeltes Arbeitsgedächtnis unterstützt insbesondere das Zusammensetzen von Lauten zu Wörtern.

2. Präliteral-symbolische Phase

In dieser frühen Phase beginnen Kinder, sich mit Symbolen auseinanderzusetzen, ohne bereits Schrift im engeren Sinn zu verstehen.

Typische Merkmale

  • Bilderlesen
  • Erkennen ikonischer Zeichen (z. B. Verkehrsschilder)
  • Verstehen abstrakter Symbole (z. B. Logos)
  • Kritzel- und Als-Ob-Schreiben
  • Nachahmung von Vorlesen

Diese Phase bildet die Grundlage für das Verständnis, dass Zeichen Bedeutung tragen können.

3. Logographemische Phase

Kinder erkennen Wörter anhand auffälliger visueller Merkmale.

Typische Kompetenzen

  • Wiedererkennen bekannter Wörter (z. B. eigener Name, Logos)
  • Orientierung an Buchstabenformen oder Wortlängen
  • Erste Benennung einzelner Buchstaben

Lesen erfolgt hier noch nicht über Lautanalyse, sondern über visuelle Wiedererkennung. Wörter werden eher „als Bild“ erkannt.

4. Alphabetische Phase

Diese Stufe stellt einen zentralen Meilenstein im Leseerwerb dar. Kinder erkennen nun das Prinzip der Graphem-Phonem-Korrespondenz. Sie beginnen, Wörter lautierend zu lesen und häufig phonetisch zu schreiben („Schreib wie du sprichst“). In dieser Phase lösen sich Kinder zunehmend vom reinen Erkennen visueller Wortmerkmale.

Zentrale Fähigkeiten 

  • Kenntnis von Buchstaben
  • Laut-Buchstaben-Zuordnung
  • Lautsynthese (Laute zu Wörtern verbinden)
  • Beginn des selbstständigen Wortlesens und phonetischen Schreibens 

5. Orthographische Phase

Lesen wird zunehmend automatisiert und effizienter.

Typische Kompetenzen

  • Steigende Leseflüssigkeit
  • Lesen mit angemessener Betonung
  • Nutzung orthographischer Muster
  • Erkennen von Silben und Morphemen
  • Sicheres Lesen auch nicht lautgetreuer Wörter

Wörter werden nun häufig direkt aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen. Die Aufmerksamkeit kann sich stärker auf den Textinhalt richten.

6. Integrativ-automatisierte Phase

Diese Phase kennzeichnet die Entwicklung zum strategischen und reflektierten Lesen.

Zentrale Fähigkeiten

  • Automatisierte Worterkennung
  • Anwendung von Lesestrategien
  • Textanalyse und Bewertung
  • Aufbau komplexer Bedeutungszusammenhänge

Leserinnen und Leser können nun Inhalte kritisch reflektieren, interpretieren und für eigene Kommunikationszwecke nutzen.

 

Der Leseerwerb verläuft nicht linear.

  • Übergänge sind fließend
  • Strategien früherer Phasen können weiterhin genutzt werden
  • Kinder zeigen häufig parallel Strategien verschiedener Entwicklungsphasen

Lesekompetenz entwickelt sich individuell unterschiedlich.

 

Einflussfaktoren auf den Leseerwerb

Mehrere Faktoren wirken zusammen und beeinflussen die Entwicklung der Lesekompetenz.

Individuelle Voraussetzungen

  • Genetische Faktoren
  • Sprachliche Fähigkeiten
  • Kognitive Entwicklung

Umweltfaktoren

  • Lesefreundliche Umgebung
  • Qualität der schulischen Förderung
  • Eltern-Kind-Lesebeziehung

Motivation

  • Interesse an Lesestoffen
  • Positive Leseerfahrungen
  • Vorbilder im sozialen Umfeld

Ein schulisches Gesamtkonzept zur Leseförderung unterstützt den erfolgreichen Schriftspracherwerb maßgeblich.

 

Frith, U. (1985).Beneath the surface of developmental dyslexia.* In K. Patterson, J. Marshall & M. Coltheart (Hrsg.), Surface Dyslexia. London: Routledge.

Günther, H. (1986). Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien.

Scheerer-Neumann, G. (2015). Schriftspracherwerb und Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Stuttgart: Kohlhammer.